Ikarus

Ich drücke mich davor, diesen Artikel zu schreiben. Ich laufe in der Wohnung auf und ab, anstatt zu tippen.

Will ich meine Gedanken nicht teilen?

Doch, ich will! Weil ich weiß, wie schwer dieses Thema ist. Weil ich weiß, wie wenig man darüber sprechen kann mit anderen Menschen. Weil ich möchte, dass die Menschen wissen: Falls Dir das passiert und Du niemanden hast zum reden, der Dich versteht, dann gibt es trotzdem andere Menschen denen es auch so geht.

Also habe ich doch angefangen zu schreiben.

Und ich will nicht nur für andere schreiben. Nein, ich schreibe auch für mich, meine Trauer und natürlich für Ikarus, meinen großartigen Hund, der am 22.07.2013 gestorben ist.

Ich habe außerhalb der Familie bisher niemandem davon erzählt. Ich frage mich warum. Ich denke, weil es so real wird, wenn ich davon erzähle. Weil es dann auf einmal alle wissen. Und weil es dann auch für mich noch fühlbarer wird.

Ab hier beginnt also mein Brief an und für Ikarus, meinen vierbeinigen Freund.

 

Ikarus, Du warst ein Dickschädel. Ich bin mir sicher, Du bist es immer noch. Wie oft hast Du Dich durchgesetzt mit Deinem Willen. Und ich weiß, bei anderen Hunden führt das manchmal zu Problemen. Bei Dir nicht. Dazu warst Du viel zu sicher, freundlich und herzlich. Dennoch hat mich Deine Sturheit manchmal fast in den Wahnsinn getrieben. Ich werde niemals vergessen, wie unsere erste Periode in einer Hundeschule endete… Alle Hunde sollen eine Prüfung zum „Familienbegleithund“ bestehen. Den Teil in der Stadt hatten wir schon hinter uns und auch bestanden. Der Teil auf dem Hundeplatz ging dann mehr als schief. Ich nehme an, man würde sagen, Du hast mich nach Strich und Faden veräppelt. Das habe ich damals auch gedacht. Viel später erst habe ich begriffen: Du fandest, dass das Schikane ist! Und auch da erst habe ich begriffen, dass Du Recht hattest: Wenn ein Hund im Freien und in der Stadt gut hört, warum sollte er auf einem eingezäunten Platz unsinnigen Kommandos folgen? Denn in der Stadt ergab das alles einen Sinn für Dich, da gab es andere Menschen, Geschäfte usw. Heute folge ich Deiner Auffassung und bin der Meinung, dass man nicht Kommandos üben sollte, sondern eine Freundschaft aufbauen, so dass man besondere Umstände eben einfach gut gemeinsam meistern kann, aufgrund der Beziehung zueinander.

Ja, das ist auch ein gutes Stichwort. Unsere Beziehung zueinander. Du warst mein erster eigener Hund. Du warst und bist so besonders. Als junger Hund hast Du Dich immer hingesetzt und die Menschen angeschaut. So viele sind stehen geblieben und haben Dir ihre halbe Lebensgeschichte erzählt. Ich weiß nicht, was es an Dir war, aber Du hast den Menschen das Herz geöffnet.

Niemals werde ich vergessen, wie wir spazieren gingen und ein Mädchen vorbei lief und ihren Vater dann fragte: „Papa, wieso darf die Frau einen Bären haben und ich nicht mal einen Hund??“ Ja, das warst Du, mein Braunbär.

Irgendwann entdeckten wir dann das Clickern. Auf einmal warst Du nicht mehr mein Hund. Ich kann es auch heute nicht anders beschreiben, aber die Konditionierung auf den Click hatte Dich so sehr verändert! Wir haben dann damit wieder aufgehört und Du wurdest wieder Du, mit eigenem Willen und eigenem Kopf! Bis heute stehe ich dem Konditionieren über den Clicker (und auch ohne Clicker) deswegen mehr als kritisch gegenüber. Ja, Du hast damals mit Freude gelernt, aber was nützt mir das, wenn dabei der Charakter verloren geht? So habe ich das damals empfunden.

Erwähnen muss ich ja auch noch, dass Du ein Therapiebegleit- und Besuchshund warst. Du hast durch Deine Anwesenheit alte Menschen und Kinder bereichert, warst zu Besuch in Behindertenwohnheimen und einer Pyschiatrie und sogar im Gefängnis. Über letzteres haben wir auch mal einen Vortrag gehalten und ich werde nie vergessen, wie viele Menschen Dich hinterher gestreichelt haben und gelobt. Ja, Du hast wirklich großartiges geleistet in Deinem Leben! Mit Deiner „Arbeit“ hast Du es auch in die lokale Zeitung und in eine Hundezeitschrift geschafft. Und das hattest Du auch verdient, genauso wie alle anderen Hunde, die bereit sind, sowas zu machen.

Besonders geliebt hast Du Kinder. Man spricht Hunden ja oft den Verstand ab, aber ich weiß, dass Du welchen hattest. Ich weiß noch, wie wir in einem Kinderheim zu Besuch waren. Du hattest auf einem Ohr eine Ohrenentzündung, hast aber trotzdem gute Laune gehabt (wie immer). Ein kleines Kind hat Dich gestreichelt, es konnte noch nicht alleine laufen. Schneller als ich gucken konnte, hatte es auf einmal Dein Ohr gepackt und hat sich daran hochgezogen (natürlich war es das entzündete!). Du hast nicht gejault, nicht gefiept, hast es mit Fassung getragen. Du wusstest, dass das Kind Dir nicht weh tun wollte. Als das Kind dann losgelassen hatte, bist Du zu mir gekommen und hast Dich trösten lassen.

Ach Ikarus, wie viel mehr gäbe es zu erzählen? Ich bin unendlich froh, dass Du bei mir warst und ich liebe Dich.

Ich möchte allen anderen Hundebesitzern, einfach jedem mit einem Tier, im Moment ständig sagen, dass sie daran denken sollen, wie schnell die Zeit vergeht. Und bemerke auch selbst, wie man im Umgang mit den anderen Tieren direkt daran denkt.

Das Ende kam dann so wie Weihnachten – man weiß, dass es kommt und ist dann trotzdem überrascht. Es ging auf einmal doch so schnell… Währenddessen neben Dir zu sitzen und zu spüren, wie Deine Seele zu strahlen beginnt, als sie den Körper verlässt, das sind die Momente, die in aller Trauer trösten und Hoffnung geben. Und mich zurücklassen in der Gewissheit: Der Tod ist kein Ende!

Ikarus, ich vermisse Dich, auch wenn ich weiß, dass Du nicht wirklich weg bist.

Ihr Lieben, so lasse ich meinen Brief an Ikarus erstmal enden. Ich habe mich jetzt einige Tage damit beschäftigt, bis er dann getippt war. Es gibt so viel mehr über ihn zu sagen. Es ist mir ein Anliegen, ein bißchen über ihn erzählt zu haben. Er war einfach ein ganz besonderer Freund.

Und ich wünsche jedem, der solche Verluste ebenso kennt, viel Kraft und Hoffnung und auch das Wissen: Der Tod ist nicht das Ende.

Ich wünsche Euch und Euren Tieren alles Gute und genießt die gemeinsame Zeit!

 

Leave A Response

*

* Denotes Required Field