…so viel Geld für mein Pferd, da kann ich ja wohl erwarten, dass ich auch reiten kann!”
Das ist ein Satz, den ich in den letzten Jahren oft gehört habe. Wenn ich davon erzähle, dass ich meine Pferde einfach nur zur Freude habe und nichts erwarte, dann werden die Augen oft groß und ich stoße auf Unverständnis. Und dann kommt eben dieser oben genannte Satz, zumindest wenn ich es mit anderen Pferdebesitzern zu tun habe.
Wie ich hier ja schon kurz andeute, hängt man gedanklich oft an dem, was man für die Tiere macht und erwartet deswegen eine Gegenleistung. Gerade bei Pferden ist Geld da natürlich ein großer Faktor! Denn Pferde sind im Unterhalt einfach teuer. Viele Pferdebesitzer erwarten dann ganz selbstverständlich, dass das Pferd eine entsprechende Gegenleistung erbringt. Meistens wird erwartet, dass man das Pferd reiten kann und dass es auch jederzeit dafür zur Verfügung steht. Also sowas wie “das Pferd hat heute keine Lust” gibt es nicht. Darauf sind auch Reitbetriebe, Reitlehrer etc. in der Regel nicht eingestellt. Man hat feste Termine usw. und daran hat sich auch das Pferd zu halten.
Ist diese Sicht aber fair für das Pferd?
Nein. Unsere Pferde haben nicht darum gebeten, in Ställen gehalten zu werden, eine kleine Box zu beziehen. Sie haben auch nicht um Offenställe gebeten, nicht um Reitunterricht und nicht ums geritten werden. Unsere Pferde werden in der Regel nicht gefragt. Sie müssen jeden Umzug mitmachen, müssen sich Änderungen in der Herde fügen, haben keinen Einfluss auf die Wahl ihrer Weide, auf die Art des Grases, ob sie auf dem flachen Land wohnen oder in den Bergen. Sie können nichts wirklich lebenswichtiges selbst entscheiden.
Und dann ist da noch der Mensch. “Komm, ich will jetzt reiten.” “Mach schon, ich hab doch heute kaum Zeit!” “Ich will ausreiten.” “Ich will heute springen üben.”
Und die meisten Pferde beugen sich diesen ganzen Anforderungen. Sie sind dabei immer noch freundlich und umgänglich, bocken nicht, lassen sich einfangen auf der Weide, sind gut händelbar.
Wehrt sich ein Pferd und lässt sich nicht alles gefallen, so gilt es sehr schnell als “Problempferd”, dem dann mit verschiedenen Methoden zu Leibe gerückt wird.
Was viel zu selten geschieht, ist das Hineinfühlen ins Pferd. Und auch die Frage an sich selbst: Muss das wirklich sein? Muss mein Pferd sich all meinen Wünschen beugen? Oder hat das Pferd vielleicht ohnehin recht wenig Freiräume und muss sich mit den Umständen einfach abfinden?
Wieviele Pferde leben heutzutage denn noch auf ausreichend großen Weiden (und damit meine ich wirklich richtig viel Platz!)? Wieviele Pferde haben genug Kräuter und Gräser zur Auswahl um sich das zu suchen, was genau für ihren Bedarf passt? Wieviele Pferde haben von Anfang an die gleiche Herde, haben die Chance auf lebenslange Freundschaften?
Seien wir ehrlich: Unsere Pferde müssen vieles einfach hinnehmen. Und sie müssen das, weil ich als Mensch entscheide, wie sie gehalten werden, welche Haltungsform, welches Futter, welche Freunde sie haben. Ich entscheide auch, wie sie geritten werden, ob sie gefahren werden, ob das alles sanft oder im Hauruck-Verfahren geschieht, wieviel sie arbeiten müssen, welche Gebisse und Sättel sie tragen müssen…
Ich finde, ich als Besitzer tue gut daran, mich mal zu hinterfragen. Was tue ich? Warum tue ich das? Was bedeutet das für mein Pferd?
Und wenn ich ein “Problempferd” habe, dann habe ich unglaubliches Glück! Ich habe nämlich ein Pferd, das mir zeigt: “So kann ich Deine Anforderungen nicht erfüllen!” Ich als Mensch bekomme so sehr leicht die Chance, in Kontakt zu meinem Pferd zu gehen und leichter Antworten auf die Frage zu bekomme: “Was möchtest Du denn?” oder “Wie könntest Du denn meine Anforderungen erfüllen?” Ich bekomme auch die Chance, meine Anforderungen an das Pferd zu überdenken und mir zu überlegen, ob ich diese Anforderungen wirklich stellen muss und will und wie ich sie ggf. anders gestalten könnte.
Auch jeder Mensch mit einem gehorsamen Pferd sollte sich diese Fragen mal stellen. Sein Pferd wirklich anschauen. Wie sehen die Augen aus, wie läuft mein Pferd, ist es fröhlich, spielt es? Verändert es sich, wenn ich auftauche? Sich mal ehrlich fragen: Ist mein Pferd eigentlich glücklich oder wenigstens zufrieden? Wie oft musste es schon einstecken, also z.B. den Stall wechseln, der Freund hat den Stall gewechselt, kann es sich täglich frei bewegen oder bewohnt es nur eine Box? Sich mal wirklich und ehrlich fragen: Welche Grundbedingungen schaffe ich für mein Pferd? Sind grundlegende Bedürfnisse nach Sozialkontakt und Bewegung ausreichend befriedigt? Und dabei bitte die Pferdesicht berücksichtigen und nicht nur die Menschensicht!
Um noch einmal auf den Anfang zurück zu kommen: Es geht anders. Man kann den Pferden auf einer ganz anderen Ebene begegnen, man kann beginnen, durch ihre Augen zu schauen und sie zu fragen: “Was brauchst Du, was möchtest Du?” Ich kann Dir aus eigener Erfahrung sagen: Dieser Zugang zum Pferd ist nicht immer einfach, weil man oft schmerzvoll bemerkt, was man dem eigenen, geliebten Pferd bisher zugemutet hat. Aber nichts ist toller als ein Pferd, das sich mir mitteilt, das selbstbewusst seinen Weg geht und das ich begleiten darf. Und dann kann man sich auch das Reiten wieder erarbeiten: Als Hilfe FÜR das Pferd, als Abwechslung für das Pferd, aber immer FÜR das Pferd! Immer in Rücksprache mit dem Pferd, “was möchtest DU?”.
Der Mensch gewinnt dabei etwas wunderbares: Die Freundschaft des Pferdes. Ich habe bisher nichts gefunden, was das übertrifft. Kein Springparcours, keine Dressurprüfung, kein Tuniersieg, kein Ausritt kann mir das geben, was mir die Freundschaft zu meinen Pferden jeden Tag gibt!
“Wer beginnt, duch die Augen der Pferde zu sehen, betritt eine andere Welt.
In ihr gelten ältere Gesetze als die unsrigen. Das Dasein ist klar und einfach.
Jeder Schritt hinein lässt uns weiter spüren, tiefer atmen …”
(aus: Selbstbewusste Pferde, Imke Spilker)
Dieses Buch kann ich wirklich jedem nur ans Herz legen! Denn ein anderer Weg zu und mit den Pferden ist möglich!
Alles Liebe für Euch und Eure Pferde!
Marina