In den letzten Tagen habe ich mir Gedanken darüber gemacht, was für mich die Grundpfeiler meiner Arbeit mit Pferden sind. Worauf stütze ich mich, was ist mir heilig und was würde ich niemals verändern?
Ich bin (jedenfalls für’s Erste) auf folgende Grundpfeiler gekommen:
1. Friedfertigkeit
2. Ehrlichkeit
3. Kommunikation
4. Freundschaft
5. Gesundheit
Vielleicht mutet das ein oder andere merkwürdig an. Deswegen werde ich die Grundpfeiler nun auch erklären. Für mich ist auch die Reihenfolge so, wie sie da steht, wichtig. Auch dazu folgt die Erklärung.
1. Friedfertigkeit
Wenn ich einem Pferd begegne, dann steht eines von Vornherein fest: Gewalt wird in dieser Begegnung nicht vorkommen. In keinster Art und Weise. Das Pferd wird nicht bestraft. Es wird nicht unter Druck gesetzt. Ein Pferd muss bei mir nichts bestimmtes machen. Das bringt mich in die glückliche Lage, dass kein falsches Verhalten herauskommen kann, welches ich bestrafen muss.
Das ist die Grundvoraussetzung, unter der ich zum Pferd gehe: Ich habe kein Recht dazu, diesem Wesen gegenüber Gewalt anzuwenden, ganz gleich ob körperlich oder psychisch. Dazu gehört auch Zwang.
Pferde sind heutzutage ständig irgendwelchen Zwängen ausgesetzt. Der Mensch entscheidet in welchem Stall das Pferd lebt, auf welcher Weide es steht, welche Pferde bei ihm stehen, wann es raus kommt, wann es rein kommt, wann und wie es geritten wird usw. Das Pferd ist ständig irgendwelchen Zwängen ausgesetzt. Wenn ich mit einem Pferd arbeite, dann soll es wenigstens in dieser Zeit keine weiteren Zwänge geben. Ich schaffe dem Pferd in der Arbeit stattdessen einen Freiraum, in dem es sein kann, wie es möchte.
2. Ehrlichkeit
Damit meine ich Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Ehrlichkeit dem Pferd gegenüber und Ehrlichkeit des Pferdes.
Pferde sind immer ehrlich. Nur sie müssen es auch sein dürfen. Nehmen wir mal an, ein Pferd fängt immer an zu laufen, wenn der Reiter aufsitzen möchte. Dann ist das keine Unart des Pferdes, sondern Ehrlichkeit! Nun liegt es am Reiter, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich ehrlich zu fragen, woran das liegt. Es mag am Reitstil liegen, an der Steifheit des Reiters, am Sattel, an der Trense o.ä. Das kann man aber nur herausfinden, wenn man diese Botschaft des Pferdes ernst nimmt und entsprechend darauf reagiert. Das kann man nur, wenn man dabei ehrlich zu sich selbst ist und auch eigene Fehler eingestehen kann.
Ehrlichkeit dem Pferd gegenüber bedeutet für mich, dass ich mein Verhalten dem Pferd gegenüber ehrlich reflektiere. Dass ich zugebe, wenn ich Angst habe, wenn ich überfordert bin (oder auch unterfordert) und dann mein Verhalten dem Pferd gegenüber so verändere, dass es ehrlich ist. Mein inneres Erleben, meine Gefühle, müssen mit dem übereinstimmen, was ich dem Pferd nach außen präsentiere. Ansonsten wird es mit der Zeit immer Probleme mit dem Pferd geben, denn Pferde spüren diesen Widerspruch zwischen innen und außen.
3. Kommunikation
Die anderen beiden Punkte gehören für mich ganz selbstverständlich zur Grundeinstellung, die ich benötige, noch ehe ich zum Pferd gehe. Kommunikation findet dann schon mit dem Pferd statt.
Es ist für mich unabdingbar, dass ein Pferd seine Meinung sagen darf. Dass es mir zeigen darf, wie es sich fühlt, was es von einer Idee hält usw. Heutzutage ist die Körpersprache und die feine Hilfengebung des Reiters bzw. Pferdemenschen in aller Munde. Doch das ist nur eine Seite. Natürlich ist es wichtig, dass ich als Mensch lerne, mich dem Pferd verständlich zu machen. Aber es ist ebenso wichtig, dass ich die Antworten des Pferdes verstehe und annehme. Dass mein Pferd auch das Recht bekommt, mir zu zeigen, was es möchte, was es gut findet und was es nicht möchte.
Das geht schon los, wenn ich auf die Weide gehe, um mein Pferd zu holen. Als erstes halte ich höflich das Halfter hin und frage damit mein Pferd, ob es Lust hat, mit mir mitzukommen. Geht das Pferd weg, dreht den Kopf weg o.ä., dann ist das eine deutliche Antwort! Ich kann vielleicht nochmal nachfragen, aber wenn das Pferd dabei bleibt, dann denke ich mir entweder etwas anderes aus (und kraule vielleicht das Pferd nur) oder ich gehe eben einfach wieder.
Das zeichnet für mich Kommunikation aus: Dass es zwei Wege gibt und ich auch das, was vom Pferd kommt, akzeptiere. Ohne wenn und aber.
4. Freundschaft
Ein ausgeleiertes Wort, wenn es um die Beziehung zwischen Tieren und Menschen geht. Denn schließlich will ja jeder der beste Freund seines Pferdes werden, aber wir haben ja alle gelernt, dass das nicht geht… oder?!
Ich erlebe es schon, dass man zum Freund des Pferdes werden kann. Freundschaft zwischen Pferden und Menschen ist möglich, aber sie ist auch an bestimmte Bedingungen geknüpft. Ich muss mein Pferd auch entsprechend behandeln. Ich bin höflich zu meinen Freunden. Ich zwinge sie nicht zu Dingen, die sie nicht möchten. Freunde sind nicht dafür da, um mir Schleifen oder Pokale nach Hause zu bringen. Auch akzeptiere ich Freunde so, wie sie eben sind, mit Schwächen und Fehlern und allen Unvollkommenheiten. Freunde dürfen mir auch mal sagen, dass ich mich gerade blöd benehme. Und ich darf sowas auch mal zu meinen Freunden sagen. Freunde unterstützen sich gegenseitig und lernen voneinander. Sie helfen sich. Sie begleiten sich.
Wenn ich so mit meinem Pferd umgehe, dann kann ich davon ausgehen, dass sich auch zwischen Pferd und Mensch eine Freundschaft entwickeln wird. Nur habe ich dann kein abrufbares Pferd zuhause. Ich kann nicht einfach reiten, wann es mir gerade passt. Ich kann nicht erwarten, dass ich jeden Mittwoch um 18 Uhr zur Reitstunde kann. Ich kann mein Pferd nicht kürzer anbinden, weil es gerade nicht stillstehen möchte.
Nein, Freundschaft bedeutet, sich miteinander zu beschäftigen, auseinanderzusetzen und gemeinsame Wege zu finden.
So manch ein Mensch hat mich schon gefragt, ob das nicht etwas viel verlangt ist, denn schließlich hat man ein Pferd ja zum Reiten.
Hat man das? Ich nicht. Ich habe meine Pferde, weil ich Pferde liebe. Weil ich ihr Aussehen liebe, ihre Kraft, ihre Bewegung. Und im speziellen, weil ich den Charakter meiner Pferde liebe. Szabanacs Stärke, Waterloos Unnachgiebigkeit, Sams Fröhlichkeit. Und vieles andere mehr. Ich habe diese Pferde, weil ich ihre Gesellschaft schätze. Weil sie mich prägen, mich weiterbringen. Weil Pferde einfach zu den wunderbarsten Schätzen in meinem Leben gehören. Und all das finde ich viel mehr wert als eine Reitstunde, einen Ausritt oder ähnliches.
Und abgesehen davon mögen es viele Pferde geritten zu werden. Auch wenn sich das, komischerweise, sehr viele Reiter nicht vorstellen können.
5. Gesundheit
Ein wichtiger Faktor. Wenn ich nach den oben beschriebenen Grundsätzen mit meinem Pferd umgehe, dann kann ich es nicht einfach irgendwie reiten, irgendwie beschäftigen. Wenn ich mich dann mit dem Pferd beschäftige, dann muss das Pferd auch etwas davon haben. Und das sollte vor allem ein gutes Leben sein und Gesundheit!
Leider machen viele Dinge heutzutage ein Pferd krank. Ganz vorne mit dabei macht auch das Reiten Pferde krank!
Deswegen gehört es für mich zu den absoulten Grundpfeilern, dass alles, was ich mit dem Pferd mache, dem Pferd dienen soll. Das bedeutet zum Beispiel, dass ich ein Pferd nicht einfach als Bewegung an der Longe rennen lasse, sondern dass ich mich damit beschäftige, wie ein Pferd gut und gesund läuft und meinem Pferd das zeige und nahe bringe. Ich zeige dem Pferd, wie es einen Reiter auf gesunde Art und Weise tragen kann. Wie es sich so bewegt, dass es lange gesund bleibt, dass die Muskeln geschmeidig bleiben etc.
Ich zeige dem Pferd auch, wie es seinen Körper so einsetzen kann, dass es sich großartig fühlt und andersrum: Ich helfe dem Pferd dabei, sich großartig zu fühlen, damit es sich entsprechend bewegen kann!
Zur Gesundheit gehört auch, dass das Pferd entsprechend leben darf. Mit Gesellschaft, in einem Offenstall, mit genug Bewegung und genug Anreizen.
Auch die Ausrüstung und die Nahrung muss so gewählt sein, dass sie das Pferd gesund erhält.
Wenn jemand weitere Anregungen hat, dann darf er gerne die Kommentarfunktion benutzen!
Liebe Marina
Jedes Deiner Worte, die Du hier veröffentlicht hast, kann ich nur unterstreichen. Hätte ich auch eine Internetseite über meinen Umgang mit Pferden, würde ich sie eins zu eins kopieren wollen oder einen Link hierher setzen. Ich freue mich Deine Bekanntschaft gemacht zu haben und wünsche mir, dass noch viele weitere Menschen, die täglich mit Pferden zu tun haben, diese Zeilen hier auch gerne lesen.
Danke dafür
Manfred
Lieber Manfred,
vielen lieben Dank.
Ich habe das hier gemacht, weil für mich irgendwie die Zeit da war, meine eigene Plattform für meine Meinung zu schaffen. Ich habe nicht so viel Zeit zum Schreiben, wie ich es mir gewünscht habe, aber ich hoffe dass es mit der Zeit mehr wird!
Vielen lieben Dank für Dein Lob!
Liebe Grüße
Marina
Vielen Dank für deinen informativen Blog. Ich lese hier immer wieder gerne und finde viele Anregungen.
Auch die Dinge die du in diesem Eintrag schilderst, kann ich unterschreiben, allerdings muss ich sagen für mich ist die Reihenfolge eine andere. Bei mir steht der Punkt Gesundheit an erster Stelle. Ich richte nach diesem Punkt mein gesamtes Verhalten beim Pferd aus und nehme es für die Gesundheit der Pferde auch in Kauf, dass der ein oder andere Punkt kurzzeitig darunter leidet. Denn ich sehe es als meine größte Verantwortung dafür zu sorgen, dass die Pferde gesund sind und es ihnen gut geht.
Hallo Miri,
vielen Dank für Deinen Kommentar. Ich habe mir daraufhin nochmal Gedanken darüber gemacht. Für mich ist es so, dass ich ja gar nicht gegen die Gesundheit des Pferdes arbeiten kann, wenn das Pferd wirklich im Mittelpunkt steht mit all seinen Facetten. Nun wird oft gedacht, dass ein Pferd, das immer frei entscheiden darf (wie ich im Punkt Friedfertigkeit schreibe, weil ich ein Pferd ja nie bestrafe), sich weigert, zum Schmied zu gehen, den Tierarzt an sich ran zu lassen oder sowas in der Art. Meine Erfahrung ist da eine gänzlich andere. Pferde, mit denen friedlich und ehrlich umgegangen wird, lassen sich sehr vieles gefallen. Bei uns konnte z.B. die Pferdezahnärztin alle Pferde so frei auf der Weide untersuchen. Das wäre früher, als bei uns noch herkömmlicher Umgang herrschte, undenkbar gewesen.
Ich empfinde es eher so, dass ich die Menschen, die sich außer mir um die Gesundheit meiner Pferde kümmern, danach auswähle, wie sie auf meine Pferde zugehen. Damit fahre ich bisher sehr gut und musste auch noch keinen meiner anderen Grundpfeiler aushebeln. Gut, manchmal wirkt das vielleicht etwas schrullig, aber dafür habe ich mittlerweile ein gutes Team von Experten, die mich und die Pferde so akzeptieren können, wie wir eben sind. Und eine freundliche, ehrliche Bitte wirkt bei meinen Pferden immer Wunder.
Insofern wäre spannend, wie Du Gesundheit interpretierst. Ich habe jetzt erstmal an alles gedacht, was mit Experten von außen zu tun hat und ja manchmal unangenehm für die Pferde ist und deswegen manchmal auch mit Dingen einhergeht, die eben nicht meinen anderen Grundpfeilern entsprechen.
Liebe Grüße
Marina
Hallo Marina,
die Erfahrung, dass sich meine Pferde bei Tierarzt usw widersetzen hab ich auch nicht gemacht und das auch nicht gemeint. Sie merken in der Regel wenn es wichtig ist, dass sie mitarbeiten und tun das auch.
Ich hab jetzt z.B. an die Situation gedacht, dass ich meinem leider verstorbenen Pferd täglich Medikamente geben musste, die ihm absolut nicht geschmeckt haben. Ich hab es mit allen Tricks probiert, mit Zucker, Apfel, Kräutermüsli usw. Er wollte es nicht fressen. Irgendwie hat er es bei allem rausgeschmeckt und ich hab wirklich alles versucht. Selbst sein geliebtes Mash, das er extrem selten bekommen hat, hat er nicht angerührt, wenn die Medizin drin war. Ich hab alle Tipps ausprobiert, die ich bekommen habe. Er hat das Medikament aber dringend gebraucht und deshalb bin ich dazu übergegangen dieses in eine Einwegspritze zu füllen und ihm direkt ins Maul zu spritzen. An vielen Tagen hat er da auch mitgemacht und es eingesehen, dass es notwendig ist. An manchen Tagen wollte er aber nicht. Auch wenn ich sonst seine Meinung immer respektiert habe und dafür sehr oft belächelt wurde und mir gesagt wurde, er würde mit mir machen was er will (war nicht so, ich hab ihm einfach die Freiheit zugestanden selber zu entscheiden was er tun will), hab ich in diesem Punkt darauf bestehen müssen, dass er das Medikament bekommt. Hätten wir ausgesetzt hätte das für ihn bis zu tödliche Folgen haben können.
Ich hab es dann in der Regel so gemacht, dass ich es versucht habe, wenn er nicht wollte, hab ich es später am Tag nochmal versucht, wenn er dann auch nicht wollte, musste ich ihn leider zwingen. Oft hat er es sich beim 2ten mal schon selber wieder anders überlegt und hat die Medizin freiwillig genommen, aber leider nicht immer und dann musste ich auch mal gegen seinen Willen handeln.
Mir hat es nicht gefallen und mir tat es immer leid, aber ich stehe trotzdem hinter meiner Handlungsweise. Deshalb sage ich, für mich ist die Reihenfolge eine andere, aber natürlich gelten alle Punkte und ich versuche natürlich in der Regel dafür zu sorgen, dass alle Punkte erfüllt sind und Wege zu suchen, dass ich nicht unter dem Deckmantel, es ist gesünder für’s Pferd gegen den Willen der Pferde handle. Aber wenn es nicht anders geht, tu ich es.
Hallo Miri,
so eine Situation ist sicherlich eine Ausnahme und ich denke, dass ich ebenso handeln würde. Ich glaube, dass hierbei wichtig ist, dass man dem Pferd zugesteht, dass es wütend ist, dass es das jetzt nehmen muss und das Pferd eben auch ernst nimmt, auch wenn es am Ende die Medizin dann trotzdem nehmen muss. Und nicht nach dem Motto: “Der stellt sich nur an” oder so. Insofern finde ich persönlich, dass man selbst bei einer solchen Sache noch gewisse Grundeinstellungen hat, die es dem Pferd trotz des Zwanges angenehmer machen. Dass ich also gefühlsmäßig beim Pferd bleibe und mich nicht innerlich entferne oder unerreichbar werde, nur weil ich gerade eine Medizin verabreichen muss. Das ist ja irgendwie auch ein gemeinsamer Zwang, weil man als Mensch auch nicht so richtig die Wahl hat, wer will sein Pferd schon sterben lassen, wenn es “nur” täglich ein Medikament einnehmen muss? Da ist dann auch irgendwie eine Gemeinsamkeit, die man dem Pferd ganz gut rüber bringen kann und wodurch sich durchaus auch das Gefühl des Pferdes dazu ändern kann. Wichtig ist, dass man dem Pferd eben einfach zugesteht, dass es das jetzt zumindest blöd finden darf, wenn es schoin nichts daran ändern kann. Das ist für mich auch der entscheidende Punkt. So, wie Du es beschreibst, finde ich es in Ordnung, so würde ich es auch handhaben. Aber wenn nun einer dem Pferd das verabreicht ohne Gespür dafür und ohne Mitgefühl, dann ist das (zumindest für mich) vom Gefühl her eine völlig andere Sache.
Du siehst, mir geht es hier nicht um Schwarz-Weiß-Denken sondern darum, immer wieder zu schauen, wie wirkt das, was ich mache, auf’s Pferd. Und dass Dein Pferd es z.T. auch eingesehen hat und mitgemacht hat, zeigt ja, dass es da schon auch einiges gespürt hat.
Ich habe bei dem Punkt Gesundheit halt auch viel an so Sachen wie Gymnastizierung gedacht, die mir heute oft wie ein Zwang vorkommt, der wichtiger ist als alles andere. Und das sehe ich persönlich halt nicht so.
Liebe Grüße
Marina